Kunstforum der Kreativität
von Künstlern und Kunsthandwerkern mit Kunstinteressierten
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Rudolf L. Reiter
Von Wilhelm Dietl, Journalist
Das erste Mal muss in der Galerie Färbergasse gewesen sein. Ein zauseliger Irrwisch, der vor Ideen sprühte und nicht wusste, was er zuerst anpacken sollte. Damals war der Bart noch schwarz, sein Drang zu Höherem kaum zu bremsen. Nur eine konnte ihn seinerzeit unter Kontrolle halten: Hilde, der ruhende Pol, der gute Geist. Sie griff meistens im richtigen Moment ein und kanalisierte die Energien, mit denen der Mittzwanziger vorangetrieben wurde. Aber auch sie durchpflügte noch Neuland und manövrierte meistens mit dem Instinkt einer Geschäftsfrau. Die Vernünftige mit beiden Beinen auf der Erde und der von Gefühlen und Träumen getriebene Höhenflieger. Ein Dream Team sozusagen, das die Welt erobern wollte, diese aber bis dahin nur in Umrissen kannte. Hilde und Rudolf L. Reiter waren ein Paar, das zuerst einmal auffiel und Stoff zum Nachdenken lieferte. Sie passten in kein Schema, wehrten sich auch dagegen. Es war keine „Masche“, wie die sich zahlreich formierenden Gegner rasch verkündeten – es war Natur pur, Fleiß und Ausdauer. Und dazu eine Handvoll Glück. Viel Glück. Gehören zur Malerei nicht auch Talent, Können, Ideen, die kein anderer hat? Natürlich. Das trieb den Reiter ja voran. Er musste sich aber erst einmal von Hügel zu Hügel tasten. Die hohen Berge waren noch weit weg, nicht einmal in Schemen zu erahnen.

Zusammengefasst, war das die Lage: Rudolf L. Reiter erfand sich und Hilde Amalie Reiter hielt die Unebenheiten des Lebens von ihm fern. Gelegentlich hörte er auf ehrliche Freunde, und das war gut so. Der junge Künstler hatte gerade die ersten spontanen Jahre hinter sich, in Knut Hamsun einen Seelenverwandten und in dessen literarischen Werk seine Weltanschauung und Philosophie gefunden. Er konzentrierte sich auf Victoria, die Romanfigur, schenkte ihr ein Gesicht. Reiter hüllte sie und andere in die selbstverständlichen romantischen Landschaften. Am Horizont tauchte ein neues Thema auf, die Wiedergeburt. Im ersten Moment nährte es weder ihn noch Hilde, und so baute er seine Galerie auch als Bodenstation für die anderen, genauso Hoffnungsvollen aus. Mit Reiter-Ausstellungen ging er erfreulich sparsam um, ließ Mitbewerber auftreten, um sie dann mit sicherer Hand zu überholen. Keine finstere Taktik, das Leben eben. Gerade in der Kunstszene herrscht gnadenlose Auslese. Viele kamen und gingen in diesen 40 Jahren, die wir kennen, aber der Reiter blieb. Und er hinterließ breite Spuren, in Erding wie in der Welt draussen. Wer erinnert sich noch daran, dass Rudolf L. Reiter das große, von vielen als Spinnerei gescholtene Projekt Frauenkircherl anschob? Ganz früh stand er hinter dem Förderverein, schaufelte sogar eigenhändig den Schutt aus dem geschundenen Erdinger Baudenkmal.
Wir wurden Freunde. Das war anfangs nicht einfach, und später auch nicht. Häufig ruhte diese Freundschaft auf kritischer Distanz, was viele der mehr als zahlreichen Reiter-Gegner nicht sehen wollten. Ich durfte damals die noch jungen „Erdinger Neuesten Nachrichten“ der Süddeutschen mit aufbauen. Kein Zweifel, auch aus heutiger Sicht: Wir haben den Reiter nicht protegiert oder gar „gemacht“. Das waren böse Gerüchte, die vermutlich erst nach Jahrhunderten sterben werden. Wir haben ihn journalistisch nachhaltig begleitet. Gepriesen, gescholten und gekauft wäre er letztlich auch ohne uns geworden.

Der nicht nur von seinen Musen geliebte und von zahlreichen Neidern angefeindete Künstler dachte damals schon in gewaltigen Zeiträumen. Wenn man ihn nach den Begabtesten seiner Branche fragte, dann kam eine klare Ansage: „Der Turner, der Friedrich, der Beuys, der Monet, der Reiter…..“ Im Pariser Centre Pompidou besuchten wir eine spektakuläre Dali-Ausstellung. Versonnen studierte Reiter ein 1931 entstandenes Bild: „Das Spektrum und das Phantom“. Der junge Kollege aus Erding wurde keineswegs von mangelndem Selbstbewusstsein geplagt. „Wenn die Wolken noch ein bisschen anders wären“, stellte er kategorisch fest, „dann wäre es ein Reiter.“ Inzwischen ist auch Gerhard Richter zur Reiterschen Walhalla der anerkannten Mal-Meister gekommen, aber Reiters Stil hat sich ja auch gewandelt. In meinen Erdinger Jahren wurden wir zu Freunden und danach, jenseits der SZ, flogen wir um die Welt, fuhren mit dem voll beladenen Kombi nach Frankreich, um Rudolf L. Reiters Ruhm zu mehren. Übrigens durfte er an der Seine auch im berühmten Atelier Gourdon Li-thos einer Mooslandschaft herstellen, die später in der Kunstwelt für Furore sorgten. Reiter hatte die Leiter zur großen Karriere erreicht. Scheu, aber selbstbewusst, testete er ihre Tragfähigkeit.

Noch ein Beispiel. New York 1980. Da standen sie sich also gegenüber – Rudi und Woody. Der größte lebende Überträger von anspruchsvollem Humor, dazu auch Regisseur, Produzent, Autor, und der fremde Sonderling aus dem fernen Erding, der ehrfurchtsvoll dem Dolmetscher lauschte. „Meine meisten Ideen haben auch religiöse Natur“, erklärte die zaundürre New Yorker Gallionsfigur, „sie haben mit dem Sinn des Lebens zu tun, und dem mächtigen Versuch durch Kunst Unsterblichkeit zu erreichen.“

Zwei der schwierigsten Charakteure trafen aufeinander, und standen sich sofort geistig nahe. Wahnsinn. Nur bei der Reinkarnation haperte es.
Der Chronist erinnert sich an folgende Sätze des Comedian aus Brooklyn: „Ich habe schon oft an Selbstmord gedacht. Aber bei meinem Glück wäre das nur eine vorübergehende Lösung. Im übrigen glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod, obwohl ich Unterwäsche zum Wechseln mitnehmen würde.“ Wie es so ist bei Übersetzungen, kam die Quintessenz zu spät an. Die Zeit war abgelaufen zum Widerspruch. Egal. Dafür signierte Woody Allen die in New York entstandene Reiter-Edition „Victoria V“. Eine Hand wäscht die andere im Illusions-Gewerbe, und nicht nur da. Wer mehr wissen will über Reiters erste Gehversuche in New York, Toronto und Montreal, der sei auf einen Artikel aus der „Süddeutschen“ verwiesen: „Der Maler, der Barde und der letzte Clown“. Er zeigt, wie aufregend diese Zeit war, aufregender als jede andere.
Die New Yorker Tage werden wir beide nie vergessen. Mit einer großen Kunstmappe und Reiter-Kostproben zogen wir durch die Kunstszene, Klinken putzen von Galerie zu Galerie, vom Village bis zur Upper East Side. Damals formte sich Rudolf L. Reiter, wie wir ihn kennen. Er schaffte es ohne Facebook, Whatsapp, Instagram und andere Krücken, ganz auf sich und seine Kunst gestellt. Im Vergleich zu jenen Tagen, ist heute alles langweilig und dröge. Schade. Gerne versichern wir uns, wie glücklich wir waren, dies alles relativ unbeschwert und voller Neugier erleben zu dürfen. Das ließe sich höchstens noch durch eine ordentliche Wiedergeburt steigern.
Nicht wahr, Rudi? Nachdem nur dieses komplette Buch Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, und nicht eine Ansammlung von ganz persönlichen Fußnoten, springen wir jetzt in die Neuzeit. Rudolf L. Reiter 40 Jahre danach. Aus dem schwarzen ist ein weißer Bart geworden. Er spricht immer noch sein breites, hintergründiges Bayerisch, versteckt vieles, was er eigentlich sagen will, zwischen den Sätzen. Indem er die Aussage dann gleich wieder verneint, also zurückzieht, macht er sie nicht ungesagt. Dass muss jeder wissen, der mit ihm zugange ist – „Reiterologen“ eingeschlossen. Von denen gibt es inzwischen mehr als genug.

„Der Reiter“, das ist immer noch seine Lieblingsvokabel, hat Schicksalsschläge hinter sich, die keiner leicht wegsteckt. Der Tod von Hilde im Jahr 2009, danach 2016 schwere Herzprobleme. 16 Wochen in der „Anderswelt“ unserer Krankenhäuser, zwei Notoperationen. Der Tag, an dem sein Atelier verbrannt ist. Das spurlose Verschwinden seiner Torfpyramide am Münchner Flughafen, die im Mittelpunkt einer weithin beachteten Kunstaktion gestanden war. Nun spricht er wieder verstärkt über die „Wunden meiner Seele“, konzentriert sich auf neue Werke im abstrakten Impressionismus. Eine interessante Wandlung, weg von der Romantischen Moderne. Reiter ist gläubiger geworden, und auch politischer. Das ist kein Widerspruch, obwohl die Trennung beider Welten auch für ihn einst glorreich erkämpft wurde. Die Klammer dazu ist wohl in seinem konservativen, altbayerischen Weltbild zu finden. Er glaubt an ein höheres Wesen, das er „Schöpfer“ und „Herrgott“ nennt. Im gleichen Atemzug erkennt er die Existenz von Sekten und ähnlichen Gemeinschaften an. Trotzdem sollte in jedem öffentlichen Raum ein Kreuz hängen, die Religion nicht verunglimpft werden. Reiter hat Vorträge gehalten, bei den Rosenkreuzern und den Freimaurern. Das hat ihm noch mehr Parallel-Welten aufgezeigt. Und es hat sein Weltbild erweitert (...)







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